Unsichtbare Inhalte und vergessene Feste

Vor Kurzem durfte ich zehn muslimischen zukünftigen KulturdolmetscherInnen erklären, wie das mit dem Christsein in Deutschland so ist: Die Veränderungen von der „Volkskirche“ zur „Entscheidungs“- und „Mitläufer“- kirche, die Feste und Bräuche, grundsätzliche Inhalte usw.
An diesem superinteressanten Nachmittag wurde mir erstmal wieder so richtig klar, wie sehr das Christentum ins Unsichtbare und Private geglitten ist in den letzten Jahrzehnten, obwohl es die Fundamente unserer Gesellschaft massiv geprägt hat und prägt.
Was ist eigentlich noch nach außen sichtbar von unserem religiösen Leben, unserem Christsein?
Einmal das, was die Kirche in die Medien bringt: Oft schlechte Nachrichten, seltener mal was Positives, wie z.B. die Unterstützungen und Projekte in der der Flüchtlingskrise u.ä.
(An dieser Stelle mal ein ausdrückliches Medienlob an den BR, der sich sowohl im Radio wie im Fernsehen vielfältig, fundiert und doch auf leicht zugängliche Weise um christlichen Inhalt kümmert! Danke!)
Und dann so der ein oder andere Brauch, den man in der Öffentlichkeit noch sehen kann…
Vor allem die Bräuche, die sich wirtschaftlich nutzen lassen und Geld bringen.
Und so sehen Nichtchristen in Deutschland unsere Religion vor allem durch eine recht seltsame Konsumbrille: Wenn es um Lebkuchen, Christkindlmärkte  und  das Weihnachtsgeschäft geht, muss wohl bald Weihnachten sein; wenn Ostereier usw. im Supermarkt auftauchen,…

Und das ist nicht nur so für die Nichtchristen, sondern gilt ganz genauso für die vielen, die sich zwar noch ganz grundsätzlich irgendwie als christlich bezeichnen, – oft auch noch Mitglied in einer Kirche sind -, aber im Grund nicht mehr wissen, was das alles bedeutet.
Ich muss mich ein wenig fremdschämen, wenn mir eine muslimische Mutter erzählt, sie hätte ihre christliche Bekannte gefragt, um was es denn an Pfingsten ginge. Die Antwort: „Keine Ahnung! Da sind halt Ferien…“

Und auch wenn das nach außen sichtbare Bild von Weihnachten und Ostern ein inhaltlich nicht sehr ergiebiges Bild ist, bin ich dennoch froh drüber. Denn gäbe es diese vermarktbaren Bräuche nicht, wären all unsere Feste so unwahrnehmbar wie Christi Himmelfahrt oder Pfingsten…

… die vergessenen Feste.
Christi Himmelfahrt ist halt Vatertag  – und Pfingsten: „Da sind halt Ferien…“
Das drittwichtigste christliche Fest – und die wenigsten wissen was da gefeiert wird. Traurig irgendwie…

Das mag daran liegen, dass es an diesen Festen eben keine niederschwelligen, netten und offen sichtbaren Bräuche gibt, die das Hineinschauen in das Fest leichter machen (und das Vermarkten und damit auch das Behalten…).
Aber es liegt vielleicht auch daran, dass wir (Christen? SeelsorgerInnen? TheologInnen?…) den Inhalt so wahnsinnig kompliziert machen und uns so schwer tun, drüber normalverständlich zu reden.
Natürlich ist der Heilige Geist nicht ganz so easy zu erklären wie Jesus selbst, bei dem wir sagen können: Schau da: Der war ein Mensch, hat das und das getan, hier stehen die Geschichten aufgeschrieben… (- obwohl die Sache mit der Himmelfahrt ist dann doch nicht soo einfach…)
Aber ich muss nicht unbedingt eine theologisch unangriefbare  Abhandlung schreiben, um den Leuten einen ersten Zugang zum Heiligen Geist und was dieser Begriff meint zu ermöglichen!
Sooo schwer ist das auch wieder nicht zu erklären. Ich mach das schließlich jedes Jahr in der Firmvorbereitung…

Aber ich habe einfach grundsätzlich dieses Gefühl, dass wir Christen uns viel zu oft um die Kernthemen und – aussagen unseres Glaubens drücken, „weil das alles so schwierig zu erklären ist und ich gar nicht weiß, wo ich da anfangen sollte…“
Also fangen wir gar nicht erst an, normal darüber zu reden, noch nichtmal miteinander, und schon gar nicht mit den anderen Religionen. (Dabei wäre das Denkkonzept „Heiliger Geist“ eine tolle Gesprächsbrücke gerade zu den fernöstlichen Religionen, aber auch zu vielen esoterischen Ansätzen.)
Und wenn es dann auch keine sichtbaren Zeichen und Bräuche gibt, die man halt macht, weil´s schön ist, auch wenn nicht immer klar ist, warum, dann verschwindet ein Fest wie Pfingsten halt in die totale Irrelevanz – und damit auch der Inhalt.
Und dann können wir drauf warten, dass auch der Feiertag verschwindet und damit die Ferien… Spätestens dann würden die Leute Pfingsten wohl wieder sehr wichtig finden… 😉

Wir können es uns als Christen nicht leisten, den Heiligen Geist in die allgemeine Vergessenheit abdriften zu lassen!
Nicht nur, weil er ein grundsätzlicher Teil unserer Dreifaltigkeitsaussage über Gott ist, sondern auch, weil er eine Zugangsweise zu Gott ist, die uns in unserer Zeit echt weiterbringen könnte! (Meine These…)

Das spricht in keiner Weise dagegen, dass wir auch über Gott Vater und Jesus Christus angemessen, offen und neu (?) sprechen sollten. Aber die Frage nach Gott ist ja durchaus wach in unserer Welt, die Frage nach Jesus auch.
Aber nach dem Heiligen Geist wird ja schon nicht mal mehr gefragt!

So, und jetzt warten (wahrscheinlich? hoffentlich? vielleicht?) alle darauf, dass ich endlich mal erkläre, wer oder was er nun ist, der Heilige Geist…

Cliffhanger!!!!

Das mach ich nächstes Mal, dieser Post ist schon lang genug.

(Und nachdem meine Sehnenscheidenentzündung langsam besser wird, müsst Ihr auch nicht sooo lang drauf warten!)

Ostern – endlich!

Liebe Leser, ich bin Euch noch Ostern schuldig! Das geht ja gar nicht, nur über Kreuz und Karfreitag zu schreiben, und dann kommentarlos in die Osterpause zu gehen…
Aber eines darf ich da gleich vorausschicken: Einfacher wird es auch beim Thema Auferstehung nicht. Schöner – ja! Hoffnungsvoller – sicher! aber nicht einfacher…

Denn das, was wir an Ostern feiern, ist gleichzeitig die wichtigste Aussage unseres Glaubens und ein wirklich unbegreifliches Geschehen, das sich unserer Logik und unserem wissenschaftlich geschulten Gehirn entzieht.
Grundsätzlich ist es klar, worum es geht: Gott lässt Jesus nicht im Tod, er erweckt ihn zu neuem Leben und seine Auferstehung ist das Versprechen, dass uns das gleiche geschehen wird.
Als Christen ist uns das schon irgendwie klar, wir sagen es auch auf in jedem Gottesdienst: „Deinen Tod, o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“
Aber wenn ich genauer nachfrage, höre ich immer öfter Zweifel an der Sache der Auferstehung, selbst bei regelmäßigen Kirchgängern – oder zumindest mehr oder weniger hilflose Versuche, sich das irgendwie verständlich hinzuerklären, was damals geschah.
Denn so wie das da in der Bibel erzählt wird kann es doch nicht wirklich geschehen sein, oder?  Das klingt dann doch zu sehr nach Märchen oder Wunschdenken…
Es ist doch sonst auch keiner zurückgekommen! Und wie sollte das auch konkret gegangen sein?

Tatsächlich lassen sich viele biblische Geschichten ja durchaus rational erklären, verständlich machen mit etwas Einblick in Sprache, Welt und Erzählstil der damaligen Zeit. Dass die Bibel nicht stets wörtlich zu nehmen ist, vieles da symbolisch gemeint ist und wir mit wissenschaftlichen Methoden an sie herangehen dürfen und müssen, ist mittlerweile hoffentlich bei jedem angekommen. Ebenso, dass wir in ihr dennoch Wahrheit finden, wenn auch nicht die Wahrheit der Wissenschaft.
Aber die Auferstehungserzählungen entziehen sich  dieser „vernünftigen“ Herangehensweise und Deutung merkwürdig hartnäckig.

Schon früh haben Zweifler und Kritiker versucht, die Auferstehung Jesu zu „zerklären“. Es gab z.B. den Versuch einer Erklärung, die besagt, dass er gar nicht gestorben sei, sondern nur ohnmächtig war und nach dem, was wir Auferstehung nennen, geflohen sei, um woanders weiterzuwirken. – Ein Versuch, das Geheimnis durch Ratio aufzulösen, der regelmäßig in boulevardwissenschaftlichen Fernsehsendungen wieder auftaucht.
Ein Firmling der letzten Jahre andererseits hat mir mal im Brustton der privat entdeckten Überzeugung gesagt, dass er davon ausgehe, dass die Jünger sich einfach zusammengetan hätten und behauptet hätten, dass Jesus lebe, weil dann alles weitergehen konnte. – Eine klassische Verschwörungstheorie…
In meinen Augen hilft das eine wie das andere nicht weiter bei der „Erklärung“ von Ostern.

Ja, ich gebe zu: Vieles verwirrt an der Geschichte, bzw. den Geschichten.
Die Uneinheitlichkeit der einzelnen Osterberichte, die die Kirche ganz bewusst ohne Wertung nebeneinander stehen lässt und an den vielen Sonntagen der Osterzeit liest.
Die überhaupt nicht logische Zeitleiste der Erzählungen.
Die Berichte, dass Jesus berührbar war, gegessen und getrunken hat wie zuvor und doch durch verschlossene Türen gehen konnte.
Und warum erkennen seine Freunde ihn oft zuerst nicht?
u.v.m.

Seltsam ist das alles schon.
Was ist jetzt wahr an den Berichten von den Begegnungen mit dem Auferstandenen?
Ganz offen gesagt: Das kann ich auch nicht erklären, zumindest nicht allgemeingültig oder wissenschaftlich.
Und wahrscheinlich ist das gut so.
Ostern reicht eben über das Menschenerklärbare hinaus, hinein in eine andere Ebene. Und jede Erklärung, die alle zufriedenstellt, würde das Geheimnis der Auferstehung Jesu Christi einengen in unsere menschlich begreifbare, messbare und begrenzte Realität.
Was „wahr“ daran ist, lässt sich vielleicht nur ganz persönlich entdecken, wenn wir uns auf die verschiedenen Erzählungen einlassen, indem wir sie als ganz persönliche Glaubenserfahrungen begreifen, die auch damals schwer in menschliche Worte zu fassen waren. Indem wir sie in ihrer Verschiedenheit nebeneinander stehen lassen, ohne sie logisch auflösen zu wollen.
Und indem wir darauf vertrauen, dass all diese Menschen wirklich etwas erlebt haben, etwas ganz grundsätzlich Bewegendes und Berührendes. So berührend, dass sie davon erzählen wollten/mussten. Etwas, das so wichtig, so grundsätzlich, so weltbewegend war, dass sie all ihre Hoffnungen darauf gesetzt haben.
Eine Erfahrung, die nicht ein Einzelner, sondern viele gemacht haben, wie unterschiedlich sie auch im Einzelnen war.
Es geht um Vertrauen an Ostern – um das Vertrauen darauf, dass diese Menschen uns nicht mutwillig anlügen wollten (wozu auch?), sondern ihre eigene, schwer fassbare Glaubenserfahrung mit uns teilen wollten, wobei ihre Vielzahl und Vielfältigkeit ihre Glaubwürdigkeit in meinen Augen sogar noch erhöht, nicht verringert.
„Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen.“ (Apg 2,32)
Es geht um Vertrauen darauf, dass diese Zeugen etwas weitergegeben haben, das über unsere Welt hinausreicht, bis hinein in göttliche Realität.

Letztendlich geht es bei Ostern ganz einfach um – Glauben.
Nicht grundlos, nicht blind-naiv, aber eben um Glauben daran, dass damals wirklich etwas Erstaunliches geschah: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen.“

(Ja, ich kann schon irgendwie ganz gut verstehen, warum sich manche bei Ostern auf das simple Frühlings- und Fruchtbarkeitsfest zurückziehen.
Leid, Tod und Auferstehung sind starker Tobak – und gerade das ist der Urgrund unserer Religion… Einfach wird´s uns da nicht gemacht. Aber deshalb feiern wir Ostern ja nicht nur einmal, sondern jedes Jahr. Vielleicht verstehen wir von Jahr zu Jahr etwas besser… mit Kopf, mit Herz, mit Bauch, mit Seele?)

 

 

 

 

 

Karfreitag – und überhaupt…

Der Karfreitag führt uns mitten hinein in das Thema „Christsein ist kein Kindergeburtstag“. Er stellt mehr Fragen als er beantwortet. Vielleicht die wichtigsten Fragen des Glaubens überhaupt. …Und er ist so weit vom Osterhasen und von Frühlingsgefühlen weg wie man sich das nur vorstellen kann.
In nur einem Blogpost ist er nicht zu fassen. (Aber es kommen ja noch weitere Karfreitage in den nächsten Jahren…)
Deshalb gibt es heute nur Mosaiksteinchen zum großen Bild des Karfreitags:

Karfreitag ist der Tag des Scheiterns.
Ihn als Tag der Erfüllung eines langen, vielleicht sogar durch Gott selbst vorbestimmten Wegs zu sehen, ist zu kurz gegriffen. Jesus war aufgebrochen, das Reich Gottes, also ein Leben in Fülle für alle, zu verkünden, nicht um sich selbstmörderisch als Opfer hinzuwerfen. Dass es so kam, wie es kam, ist das Werk der Menschen. Und Menschen können sich eben auch zu Grausamkeit und Vernichtung entscheiden.
Warum Gott das zulässt, ist eine andere Frage, – eine gute Frage angesichts all des Leids, das wir Menschen übereinander bringen. Der Karfreitag stellt diese Frage, sie zieht sich wie ein roter Faden durch den Tag, aber er beantwortet sie nicht.

War der Kreuzestod Jesu notwendig, damit Gott durch ihn die Welt erlösen konnte?
Ich glaube, wir denken Gott zu klein, wenn wir unterstellen, er hätte keine andere Möglichkeit zur Erlösung gehabt.
Dass es gerade so und nicht anders gekommen ist, ist das Werk der Welt und ihrer Kräfte.
Aber das Geschehen von Tod und Auferstehung zeigt uns Gott als einen, dem unser Leid nicht egal ist, selbst dann nicht wenn wir uns von ihm verlassen fühlen („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“, ruft Jesus am Kreuz mit den Worten des 22. Psalms.)
Der Karfreitag zeigt uns unseren Gott als einen, der sogar aus Scheitern, Leid und Tod neues Leben, einen neuen Anfang, Erlösung  machen kann, obwohl es gar nicht danach aussieht. Doch das erzählt uns erst der Blick von Ostern her auf das Kreuz.

Am Karfreitag selbst stehen wir erst einmal fassungslos, trostlos, ohnmächtig mit unter dem Kreuz. Und damit fassungslos, trostlos, ohnmächtig im Angesicht all des schrecklichen Leids unserer Zeit, geboren aus denselben grausamen, fanatischen, zerstörerischen, verständnislosen Kräften, die auch damals gewirkt haben.
Das gilt es auszuhalten, auch wenn wir nichts tun können. Und Hinschauen und Aushalten ist so unglaublich schwer. Wie oft hören wir weg, wenn die Nachrichten wieder von schrecklichen Ereignissen berichten, verschließen unser Herz, weil es uns einfach zuviel ist?
Dabei ist Da-Sein und Aushalten oft das Einzige, was zu tun bleibt. So wie Gott da ist, auch mitten im Leid. Denn so lautet sein Name: Jahwe, der „Ich bin da, wo immer du auch bist“. Wer im Leid mit Leidenden aushält wird zur Spur Gottes in der Welt.

Christen, so lehrt es der Karfreitag, sind eben keine naiven, weltfremden Hallelujasinger, sondern Menschen, die sich dem Leid der Welt und den Fragen, die es aufwirft, stellen. – Sie sollten es zumindest sein…

und noch ein Mosaiksteinchen:
„Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5) Das ist eine Zeile aus der 1. Lesung am Karfreitag.
Jesus meinetwegen, wegen meiner Unzulänglichkeiten grausam getötet? Kann ich das glauben? Will ich das überhaupt? – Nein.
Aber darf ich das denn ablehnen, ist das nicht christliche Grundüberzeugung?
Zwei kurze Antworten dazu:
1. Der Text, der hier gelesen wird ist schon Jahrhunderte vor Jesus entstanden,  in der Auseinandersetzung mit der Frage des Leides an ganz anderem zeitlichen Ort. Es ist ein prophetischer Text und als solcher individuell, mystisch und vieldeutig. Die Ursprungssitution ist unklar. Der Prophet kommt zu seiner ganz persönlichen Lösung für die Frage des Leids. Die kann ich respektvoll lesen/hören, muss sie aber nicht absolut setzen. Denn erst im Gesamtbild aller biblischen Aussagen – und die sind sehr unterschiedlich –  entsteht das, was wir „Wort Gottes“ nennen. (Dazu später mal mehr…)
2. Ja, die Bilder des Jesaja und der Passion gleichen sich, eine Übertragung liegt nah.
Aber nicht einfach wörtlich und platt „Er ist wegen meiner Sünden gestorben.“ – Wie auch, ich war damals noch gar nicht geboren… (Jaja, vor Gott zählt die Zeit nicht und so… trotzdem!)
Ich verstehe das eher so: Dieses Geschehen damals nimmt mich mit hinein. In dem wir es hören, betrachten, vergegenwärtigen, spiegeln wir unser Leben, unser Sein an diesem Geschehen, mit all unseren Fehlern, unserem Leid, mit allem, was wir sind. Unser eigenes Scheitern wird mithineingenommen in Sein Scheitern, ich kann mich an unterschiedlichster Stelle der Geschichichte wiederfinden, in unterschiedlichsten Rollen.
Und damit werde ich mit hindurchgenommen durch den Tod ins Leben. – Ja, ich weiß, jetzt werde ich sprachlich auch mystisch, aber so ist es halt, ist halt gar nicht so simpel, unser Glaube…

Ein letztes:
Ist der Tod Jesu ein „Opfer“?
Jein…, das kommt darauf an, wie ich Opfer verstehe. Nicht im alten Sinn: Ich gebe Gott ein Opfer, dann gibt er mir, was ich will…
Wir schauen hier im Gegenteil auf das Ende aller Opfer. Jesu Tod ruft auf: Kein Mensch soll je wieder zum Opfer gemacht werden!
Er selbst durchbricht die Spirale aus Opfer/Täter, Tat/Vergeltung, indem er sagt: „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht was sie tun.“
Er entscheidet sich für die Konsequenz des Kreuzes, macht das, was da geschieht, zur Selbsthingabe und lässt sich eben nicht zum hilflosen Opfer degradieren.
Zum Opfer gemacht zu werden, nimmt einem die Würde und die Menschlichkeit.
Jesus bleibt Mensch bis zum Schluss, menschlich bis zum Schluss, mit all seiner göttlichen Würde.

Die Leidensgeschichte Jesu ist eine der stärksten Menschheitsgeschichten überhaupt.
Mit ihr ist nicht leicht fertig werden. – Und ich bin es auch noch nicht, werde es vielleicht nie.
Diese Gedanken sind nur ein Anfang…

Abschied – Und was dann?

Gründonnerstag ist die vernachlässigte Station der Heiligen Woche, unseres Feierns des unbegreiflichen Geschehens um den Tod Jesu. Seit es kein Feiertag mehr ist, geht keiner mehr hin. – Na gut, fast keiner…

Dabei ist genau dieser Abend so voller Spannung wie kaum ein Hollywoodfilm. Wir erleben mit, wie sich alles entscheidet, was sich damals in dieser Pessachfestwoche in Jerusalem langsam im Hintergrund angebahnt hat:

Die Kräfte der Macht haben sich längst zusammengetan:
Die Römer, denen da schon wieder ein Messias, will sagen, einer mit göttlichem Machtanspruch, im Weg umgeht. So einige messianische Aufstände haben sie bereits mit Waffengewalt niedergeschlagen…
Dazu die Verantwortlichen der Juden im Hohen Rat: Politisches Kalkül und Vorsicht lassen sie zum Entschluss kommen, dass dieser Jesus weg muss. Weil er mit dem Klang der Wahrheit spricht, weil ihm zu viele Menschen nachlaufen, weil er zu gut ist, weil er die Finger in die Wunden – also die Fehler und Mängel – des Establishments legt, weil er gefährlich ist.
Sogar in den eigenen Reihen ist einer beteiligt. Was Judas will, bleibt unklar: Will er Jesus zum (politischen) Handeln zwingen? Ist er mit der Situation unzufrieden? Hat er sich das mit der messianischen Ankunft anders vorgestellt?

Die Schlinge zieht sich zusammen um Jesus und er weiß das.
Hat er sich vor der Entscheidung gesehen: Weglaufen, fliehen, sich retten – und damit seine ganze Botschaft unglaubwürdig machen? Oder bleiben, durchhalten, die Konsequenzen seines Handelns und Redens tragen?
Wir kennen das Ergebnis.

Nun feiert er mit seinen Freunden Pessach, ein Fest voller Freude, ein Fest der Befreiung… Wie feiert man so etwas im Angesicht des Todes?
Der Gründonnerstagsgottesdienst nimmt uns mit hinein in dieses Fest. Wie in einem klassisches Drama kurz vor der Katastrophe erleben wir mit, wie das Unheil unbremsbar seinen Lauf nimmt.
Vergegenwärtigung nennt man das liturgisch. Wir sind mitten drin. Was damals war, geschieht jetzt, wie in einem guten Film…
Nach dem Gloria verstummen Orgel und Glocken – der Soundtrack des Thrillers schaltet auf beunruhigende Stille.
Wir sind dabei, als er zugleich mit dem Verräter seine Hand in die Schüssel taucht und als dieser den Raum verlässt. Aber wir sind auch dabei, wenn Jesus seinen Jüngern sein Vermächtnis übergibt: In den zwei Zeichen der Fußwaschung und im Teilen von Brot und Wein: „Denn am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf – das ist heute -, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird…“ – Immer wenn ihr das tut, bin ich bei Euch wie aus Fleisch und Blut. – Ich bin bei euch bis ans Ende aller Tage.
Sie werden trotzdem verzweifelt sein, hoffnungslos und untröstlich am Tag seines Todes…
Glauben, dass es ein Danach gibt, war auch damals nicht leicht.

Wir sind mit dabei, wenn das Fest vorüber ist (die Kirche wird leer geräumt, die Liturgie spricht sogar von Verwüstung) – und Jesus in den Garten geht, um zu beten.
Und machen wir uns nichts vor: Da schreit einer seine Angst zum Himmel wie es zahllose Menschen auch heute noch jeden Tag tun.
– Und seine Freunde schlafen den Schlaf der nicht Betroffenen. Wie schwer ist es doch, sich dem Leid des anderen zu stellen…

Und dann: Tumult am Eingang: Soldaten, Abgesandte des Hohenpriesters und noch einer…
Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da!

(Ich weiß, es ist zu spät, um einzuladen, einen der Gründonnerstagsgottesdienste zu besuchen. Und vielleicht sind eh nicht alle so gefeiert, dass man das wirklich gut erleben kann… Aber dennoch: Versucht es mal wieder! Die Heilige Woche ist kein Wunschkonzert. Nur das Ganze macht Sinn!)

Schwierige Heilige Woche

… Oder:  Christsein ist kein Kindergeburtstag…

(Zuerst einmal ist eine Entschuldigung fällig dafür, dass ich so lange nichts gepostet habe. Natürlich habe ich all die üblichen Ausreden: Ich war ein paar Tage nicht da, habe dann noch Geburtstag gehabt, und überhaupt der ganze Arbeitsberg vor Ostern… Aber ich weiß, dass ein Blog, wenn man ihn schon gestartet hat, nicht vernachlässigt werden darf… Ich gelobe Besserung!)

So, aber nun zum Thema:

Wir sind mitten in dem, was wir die „heilige Woche“ nennen (Palmsonntag bis Ostersonntag).

Die meisten denken bei Ostern vor allem an Ferien, das letzte Mal Skifahren vielleicht, und dann noch den Osterhasen und die Ostereier für die Kinder und den guten Ostersonntagsbraten für das Familientreffen. – Aber alles das ist dann doch lange nicht so wichtig wie Weihnachten…
Gegen ein schönes Familienosterfest ist zwar nichts zu sagen, reduziert aber das wichtigste christliche Fest auf seine vorchristlichen Wurzeln eines Lebens- und Fruchtbarkeitsfestes. Das mag für viele auch genug sein, für mich ist es der „easy way out“ aus dem, was Ostern eigentlich bedeutet.

Denn Ostern ist nicht „easy“ und an diesem Fest lässt sich auch ganz gut festmachen, dass das Christentum nicht „easy“ ist. Dieser Glaube macht es seinen Gläubigen nicht leicht. Nicht nur verlangt er von uns, selbst zu denken, er konfrontiert uns auch mit den unangenehmsten Bildern und Wahrheiten und verlangt dann, dass wir uns entschieden dazu stellen. Anspruchsvoll!
Wer denkt, Christsein wäre in einem Autoaufkleber „Freu dich! Jesus liebt dich!“ zu fassen, wird spätestens in dieser Woche merken, dass er/sie da was nicht verstanden hat.
– Und irritiert sein, beunruhigt sein, vielleicht eben auch wegschauen und sich lieber dem Osterhasen zuwenden.
Denn die Geschichte dieser Woche nimmt uns mit auf eine schwer auszuhaltende Achterbahnfahrt, die uns mit den Höhen und Tiefen des menschlichen Wesens konfrontiert, mit Ruhm und Stardom, mit Scheitern, mit Versagen,… und uns immer wieder den Spiegel vorhält und uns anfragt: „Wie hättest du gehandelt?“
Und zum Abschluss stellt sie uns vor eine der unbegreiflichsten, unbeweisbarsten und schwierigsten Glaubenszusagen überhaupt: Die Auferstehung.

Es beginnt am Palmsonntag ganz oben mit Jubel und Ruhm: „Jesus soll unser König sein!“, lassen wir die Kinder singen, wenn sie die Palmbuschen hochhalten. Jesus ist ganz oben angekommen, nur um ganz tief zu fallen. So gern wir in der Jubelsituation des triumphalen Einzugs in Jerusalem bleiben möchten, müssen wir uns noch amselben Tag bereits die Leidensgeschichte zum ersten Mal anhören, fast so, als wollte uns die kirchliche Leseordnung sagen: Freut euch nicht zu früh!

Das kennen wir auch heute: Stars werden im Netz gehypt, in vollen Stadien zu Halbgöttern erhoben. – Bis der erste Shitstorm kommt, bis seine bloße Menschlichkeit sichtbar wird oder schlimmer: Bis der Rückfall kommt in die Bedeutungslosigkeit und ins Unbekannt und Unerkannt Sein.

Wer bin ich in dieser Szene?
Jubelnder?
Bejubelte, die genau spürt, wie oberflächlich und wenig nachhaltig dieser Fanruhm ist? Oder sorgenvoller Zuschauer, der ängstlich darauf wartet, dass diese Situation eskaliert, zu einem Aufstand wird, ins Zerstörerische kippt?
Oder Gegner, der den Jubel nicht aushalten kann, nicht will, dass dieser da so viel Aufmerksamkeit bekommt, gerade weil er einer von den „Guten“ ist?
Oder Unbeteiligter Wegschauer?
Oder eine der Verantwortungsträgerinnen, die Schlimmeres vermeiden will: „Es ist besser, dass einer für das Volk stirbt…“
All denen werden wir wieder begegnen, an dem anderen Weg, an dem aus Jubel Schläge und aus „Hosianna!“ „Ans Kreuz mit ihm!“ wird.

Die Rollenverteilung in der Geschichte vom Leiden, vom Kreuz, von der Auferstehung ist alles andere als eindeutig. Da gibt es nicht Klares Schwarz und Weiß – und irgendwo in all den Grautönen können wir uns alle finden, uns selbst, unsere Welt wie sie heute ist, alle Täter und alle Opfer, alle.
Vielleicht ist genau deshalb diese Geschichte immer wieder eine ganze Woche des Bedenkens, des Feierns wert.
Sie zeigt uns ganz deutlich, wie wirr und unklar die Welt ist, auch unsere heute; wie Absichten, Ursachen, Schuld mit hineinverflochten sind in alles, was wir versuchen.

Die Frage, wo und wie Gott in all dem ist, warum er so etwas zulässt, ist berechtigt und aktuell. Sie ist nicht so einfach zu beantworten.
Ein einfaches „Gott ist da!“ „Gott hat dich lieb!“, ist da unangebracht, klingt sogar höhnisch.
Gott ist nicht einfach, nicht im Ganzen begreifbar, nicht lösbar we eine Gleichung; und jede Religion, jede Glaubensrede, die das versucht, wird unserer Welt und all dem Leid, all dem Schwierigen und Komplexen in ihr nicht gerecht.
Auch das ist eine Grundaussage unseres christlichen Glaubens, die schwer auszuhalten ist. Aber alles andere wäre zu billig.
Christsein ist eben kein Kindergeburtstag, sondern verflixt kompliziert, wie das Leben selbst.

Und die Heilige Woche stellt uns mitten hinein in diese Schwierigkeiten. – Und das ist auch gut so!

Fehlerfreundlich 3 – Und die Kirche?

Das mit der Fehlerfreundlichkeit Jesu haben wir ja geklärt.
Und unsere eigene hoffentlich auch.
Aber wie steht es mit der Fehlerfreundlichkeit der Kirche als Institution?
In ihrer Außenwirkung scheint sie ja nicht wirklich so rüberzukommen, eher als Gemeinschaft mit Perfektionsanspruch, in der man an Ansehen verliert, wenn man irgendwo gescheitert ist an diesem Anspruch. – Obwohl wir ja wiederholt schmerzhaft erfahren mussten, dass unsere Kirche selbst alles andere als perfekt ist.

Nun ist es einerseits verständlich, dass eine riesige Gemeinschaft/Organisation wie unsere Kirche  gewissen Idealen nachstrebt (siehe Post vor Kurzem…), sich gewisse Regeln geben muss, Rahmenbedingungen schaffen muss, innerhalb derer sich das bunte Leben abspielt, ohne zu bunt zu werden. (Wobei das eine eigene Frage wäre: Wie viel bunt ist zu bunt?) Deshalb gibt es z.B. das Kirchenrecht und die Glaubenskongregation, die sich mit Rechtgläubigkeit beschäftigt, usw.
Andererseits besteht die Gefahr, dass die Regeln und Gesetze, die sich natürlicherweise an den hohen Idealen ausrichten, eine ungute Eigendynamik entwickeln und das Zentrum, nämlich die Botschaft Jesu mit all ihrer Fehlerfreundlichkeit verstellen, verbiegen oder überdecken.
Und ich muss leider sagen, dass das im Falle unserer Kirche viel zu oft geschehen ist. Jahrhunderte lang hat man – bis heute! – aus moralischen Richtungsangaben und jesuanischen Zielen massive Gesetzesmauern gebaut, mit denen Menschen aus- und eingesperrt wurden. Und das hängt uns jetzt nach. Vieles davon ist aus Selbstschutz der Gemeinschaft geschehen und das meiste wohl im guten Glauben und mit der besten Absicht. Aber das hilft uns heute auch nicht weiter.
Das Dumme an Mauern wie Gesetzen ist nämlich, dass es einem sehr schwerfällt, sie wieder einzureißen nach all dem Aufwand, den man hatte mit dem Aufbauen.

Da traue ich mich doch, mal ein aktuell brennendes Beispiel auszusuchen: Das Problem mit der Unauflöslichkeit der Ehe.

Wenn in unseren Gemeinden Ehen scheitern, verschwinden oft ganze Familien aus dem aktiven Kreis der Gläubigen, fast immer aber verschwindet ein Partner.
Denn auch, wenn wir es gar nicht beabsichtigen: Es scheint in unserer Kirche keinen Platz zu geben für diese Art Scheitern. Und das in einer Zeit, wo Trennung und Scheidung gesellschaftlich eine selbstverständliche Realität sind, wenn auch keine schöne.
Und das ist umso schrecklicher, weil solche Zeiten für Menschen wirklich kein Spaß sind und wir sie als Gemeinschaft doch unterstützen sollten.
Aber von der Kirche erwarten die meisten in so einer Situation gar keine Unterstützung.
Denn die Kirche hat viel zu lange verurteilt und ausgegrenzt. Von wegen Fehlerfreundlichkeit Jesu…
Umso dankbarer bin ich über die zaghafte Öffnung, die Papst Franziskus in seinem Schreiben Amoris laetitia angestoßen hat, wo z.B. im Ermessen des Ortsbischofs eine Zulassung Geschieden-Wiederverheirateter zu den Sakramenten ermöglicht wird.
Aber das kann nur ein Anfang sein.
Denn ich glaube, beim Thema Ehe hat sich die Kirche in eine dem Anspruch Jesu nicht angemessene Fehler-Unfreundlichkeit verstrickt.

Selbstverständlich ist die katholische Vorstellung von der Ehe ein hohes Ideal: Zwei Menschen treffen sich, lernen sich lieben, tragen diese Liebe vor Gott mit der großen Hoffnung, dass sie ewig ist, ja sogar über die Grenzen dieser Welt hinausgeht, gründen eine Familie…
Dieses Ideal, diese Hoffnung auf Glück zu zweit, als Familie, ohne Ablaufdatum, haben wohl auch die meisten Eheleute, wenn sie sich kirchlich trauen lassen. Das soll und will auch niemand aufgeben, denn es ist auch das Ideal, das Jesus verkündet. Aber:
Ca. 50% davon schaffen es nicht „bis dass der Tod sie scheidet“. Und manche Ehen, die bis zum Tod „halten“, möchte ich nicht führen müssen. Das ist eben so mit Idealen (das haben wir gelernt), dass wir in der Realität oft dahinter zurückbleiben trotz bester Vorsätze und eines hoffnungsvollen Anfangs.

Erstaunlich finde ich dabei nur, dass es in der Kirche nach beinahe jedem Fehler und für jegliche Art Scheitern einen Neuanfang zu geben scheint, aber nicht, wenn die Ehe scheitert. Das ist dann irgendwie endgültig. Denn eine zweite sakramentale Eheschließung ist ja nicht möglich. Kein zweiter Versuch hier…
(Sich mit dem Mittel der Annullierung zu behelfen, ist da auch nicht sauber. Denn im Nachhinein zu sagen, dass das gar keine Ehe war, wird der gemeinsamen Lebenszeit auch nicht gerecht.)
Ist das im Sinne Jesu?

Bei der Diskussion über dieses Thema wird oft argumentiert, dass alles irgendwie beliebig würde, wenn die kath. Kirche die Unauflöslichkeit der Ehe aufgeben oder aufweichen würde.
Das sehe ich nicht so. Der hohe Wert dieses Ideals bleibt bestehen, auch wenn viele es nicht lebenslang umsetzen können.
Jeder, der Trennung schon mal selbst erlebt hat oder Freunde durch eine Scheidungszeit begleitet hat, weiß, dass man sich sowas nicht ohne Not oder aus Spaß antut. Da geht es um Verletzungsgeschichten, Schuldgefühle, gegenseitige Schuldzuweisungen, zerbrochene Lebensträume, herbe Existenzfragen usw…
Umso wichtiger wäre ein guter Weg der Aufarbeitung, der Heilung, der dann einen Neuanfang ermöglicht.
Viele gehen diesen Weg in Therapien, in Selbsthilfegruppen usw. – Kaum einer in oder mit der Kirche. Denn da ist keine Gnade zu erwarten, so scheint es zumindest.
Und wenn dann jemand nach der Verarbeitung, nach all dem schmerzhaften Wachsen und Lernen einen Neuanfang wagt, tut die Kirche dann wirklich gut daran, diesem Neuanfang den Segen zu verweigern?

Ich bin nicht dafür, die Idealvorstellung von Ehe aufzugeben. Aber ich bin dafür, darüber nachzudenken, wie wir die Schritte „Scheitern – Anhalten, Nachdenken, (Bereuen, lernen…) – neu anfangen“, die zutiefst jesuanisch sind, als Kirche in dieser Frage neu denken können.
Damit Heilung möglich ist, wirkliche Heilung. – Nicht nur für die Eheleute, sondern auch für die Kirche selbst, die sich hier meiner Meinung nach in strukturelle Schuld verstrickt.

Dazu könnte z.B. intensiver darüber nachgedacht werden, ob der „Tod“, der die Eheleute scheidet unbedingt der leibliche Tod sein muss. Gibt es nicht auch den schmerzhaften Tod einer Beziehung?
Dann könnte auch darüber nachgedacht werden, ob gezielte Seelsorgeangebote vor einer möglichen „Zweitehe“ liegen könnten und welche. Schließlich gibt es vor jedem Sakrament eine Vorbereitung oder zumindest ein vorbereitendes Gespräch. Hier könnte die Frage nach der Aufarbeitung der gescheiterten ersten Ehe eine Rolle spielen. U.v.m.

Ich bin nicht die, die hier kirchlich relevante Entscheidungen fällt und kirchenrechtliche Hürden nimmt, aber ich bin kann verweisen auf die Fehlerfreundlichkeit Jesu, deren ausführendes Instrument die Kirche sein sollte.
Wenn ihr hier ein guter Schritt gelänge (nicht nur in der Seelsorge vor Ort, sondern auch strukturell und rechtlich), würde auch die Kirche profitieren und an Glaubwürdigkeit gewinnen.

Davon bin ich überzeugt.

Fehlerfreundlich 2

„Perfektionismus ist ein Werkzeug des Teufels.“
Ich glaube zwar nicht an das personifizierte Böse in mythologischer Gestalt, aber dieser Satz ist dennoch eine meiner liebsten Lebensweisheiten.
Denn, wenn Jesus mit uns fehlerfreundlich umgeht, sollten wir das auch tun, mit uns selbst und mit anderen. Die Perfektion/Vollkommenheit Gottes als Anspruch auf uns Menschen zu übertragen, ist schlicht unheilvoll. Und dennoch passiert das überall:

Körperliche Perfektion z.B. scheint in unserer Zeit ein hoher Wert zu sein.
Da werden mehr oder weniger willkürliche Schönheitsideale aufgestellt, denen Menschen bis zur Selbstzerstörung nacheifern. Und wenn der reale Mensch nicht genügt, wird eben mit Photoshop o.ä. nachgebessert, um zumindest auf den Bildern eine Perfektion zu erreichen, die nicht wirklich menschlich ist, – wenn auch faszinierend. Es wird verglichen und gewertet, in Wettbewerben ausgesiebt und abgeurteilt.
Dabei machen uns doch gerade unsere Unterschiede und Unvollkommenheiten individuell schön.
– Ihr kennt vielleicht die Fotoexperimente, wo viele Fotos übereinandergelegt werden bis das Endergebnis zwar irgendwie schön, aber auch völlig ohne Persönlichkeit ist?
Fitness und Gesundheit gehören auch in den problematischen Bereich „körperliche Perfektion“. Sie, die ja was eigentlich Gutes sind, werden von manchen bis zum Exzess, bis zum Wahn, ja bis zur Sucht getrieben. Alles Gute wird halt fragwürdig, wenn es maßlos wird.
Doch der gesellschaftliche Perfektionsanspruch ist auch in anderen Bereichen spürbar: Die perfekte Karriere, der perfekt geführte Haushalt, die perfekte Hochzeit, die perfekte Familie, die perfekten Kinder… Oh, die perfekten Kinder…
Am besten sollen sie alle aufs Gymnasium gehen, wahrscheinlich sind sie ja eh hochbegabt, und wenn es nicht klappt, haben die Eltern versagt…?
So früh wie möglich fördern, Sport, Musikstunden, Ballett und wenn es sein muss Nachhilfe bis zum Abwinken…Nur einfach mal zweckfrei spielen, draußen vielleicht sogar, das geht nur noch selten, wenn bei all dem anderen halt noch Zeit bleibt.
Und wir wundern uns, dass Kinder wie Eltern einen nie dagewesenen Leistungsdruck spüren? Der Film „Bad Moms“ bringt das ganz gut, wenn auch übertrieben auf den Punkt:

Wenn wir uns diesem Perfektionsdruck unterwerfen, was geschieht dann mit unserem Leben, wenn irgendwas schief geht?

Es wäre dringend nötig, den Druck rauszunehmen aus unserem Leben, uns ganz offiziell Fehler, bzw. Imperfektionen zuzugestehen:
Es gibt nämlich keine perfekten Eltern. Die braucht auch keiner. Viel wichtiger sind die Eltern, die Zeit haben, sich für Fehler entschuldigen können – auch bei Ihren Kindern -, die das Leben mit Humor nehmen können und ihre Kinder einfach lieben.
Es gibt keine absolute Schönheit. Aber es gibt individuelle Schönheit, die nicht körperliche Perfektion ist, sondern von Ausstrahlung lebt, vom eigenen Stil und von der Zufriedenheit mit sich selbst. Schließlich macht uns auch das, was nicht perfekt ist, zu uns selbst, macht uns liebenswert.
(Dazu ein Songtipp: https://www.youtube.com/watch?v=Mk7-GRWq7wA.)
Wir alle haben Fehler und machen Fehler, Fehler bei den eigenen Entscheidungen, Fehler im miteinander Leben. Denn es gibt keine Beziehungen ohne Verletzungen, ohne Streit oder Fehler.
Und Fehler sind gut, denn aus Fehlern kann man lernen.

Perfektion ist unmöglich und auch gar nicht notwendig.
Perfektionismus ist kräftezehrend, schädlich und unendlich aufreibend und nervig. Deshalb sind Perfektionisten in der Regel auch unglaublich anstrengende Zeitgenossen.
Für die letzten ca. 20% zur hundertprozentigen Perfektion braucht es übrigens mindestens so viel Kraft wie für die ca. 80 % zuvor. Was für eine Verschwendung von Leben!

Lasst uns deshalb mutig eine Lücke lassen nach oben.
Lasst uns misstrauisch sein, wenn etwas zu perfekt nach Plan läuft.
Freuen wir uns über die kleinen Fehler und Missgeschicke, die alles erst so richtig lebendig machen.
Denn genau in dem, was nicht perfekt läuft, passiert oft das Leben.

Lasst uns fehlerfreundlicher werden, uns selbst gegenüber und anderen gegenüber!