Der Karfreitag führt uns mitten hinein in das Thema „Christsein ist kein Kindergeburtstag“. Er stellt mehr Fragen als er beantwortet. Vielleicht die wichtigsten Fragen des Glaubens überhaupt. …Und er ist so weit vom Osterhasen und von Frühlingsgefühlen weg wie man sich das nur vorstellen kann.
In nur einem Blogpost ist er nicht zu fassen. (Aber es kommen ja noch weitere Karfreitage in den nächsten Jahren…)
Deshalb gibt es heute nur Mosaiksteinchen zum großen Bild des Karfreitags:

Karfreitag ist der Tag des Scheiterns.
Ihn als Tag der Erfüllung eines langen, vielleicht sogar durch Gott selbst vorbestimmten Wegs zu sehen, ist zu kurz gegriffen. Jesus war aufgebrochen, das Reich Gottes, also ein Leben in Fülle für alle, zu verkünden, nicht um sich selbstmörderisch als Opfer hinzuwerfen. Dass es so kam, wie es kam, ist das Werk der Menschen. Und Menschen können sich eben auch zu Grausamkeit und Vernichtung entscheiden.
Warum Gott das zulässt, ist eine andere Frage, – eine gute Frage angesichts all des Leids, das wir Menschen übereinander bringen. Der Karfreitag stellt diese Frage, sie zieht sich wie ein roter Faden durch den Tag, aber er beantwortet sie nicht.

War der Kreuzestod Jesu notwendig, damit Gott durch ihn die Welt erlösen konnte?
Ich glaube, wir denken Gott zu klein, wenn wir unterstellen, er hätte keine andere Möglichkeit zur Erlösung gehabt.
Dass es gerade so und nicht anders gekommen ist, ist das Werk der Welt und ihrer Kräfte.
Aber das Geschehen von Tod und Auferstehung zeigt uns Gott als einen, dem unser Leid nicht egal ist, selbst dann nicht wenn wir uns von ihm verlassen fühlen („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“, ruft Jesus am Kreuz mit den Worten des 22. Psalms.)
Der Karfreitag zeigt uns unseren Gott als einen, der sogar aus Scheitern, Leid und Tod neues Leben, einen neuen Anfang, Erlösung  machen kann, obwohl es gar nicht danach aussieht. Doch das erzählt uns erst der Blick von Ostern her auf das Kreuz.

Am Karfreitag selbst stehen wir erst einmal fassungslos, trostlos, ohnmächtig mit unter dem Kreuz. Und damit fassungslos, trostlos, ohnmächtig im Angesicht all des schrecklichen Leids unserer Zeit, geboren aus denselben grausamen, fanatischen, zerstörerischen, verständnislosen Kräften, die auch damals gewirkt haben.
Das gilt es auszuhalten, auch wenn wir nichts tun können. Und Hinschauen und Aushalten ist so unglaublich schwer. Wie oft hören wir weg, wenn die Nachrichten wieder von schrecklichen Ereignissen berichten, verschließen unser Herz, weil es uns einfach zuviel ist?
Dabei ist Da-Sein und Aushalten oft das Einzige, was zu tun bleibt. So wie Gott da ist, auch mitten im Leid. Denn so lautet sein Name: Jahwe, der „Ich bin da, wo immer du auch bist“. Wer im Leid mit Leidenden aushält wird zur Spur Gottes in der Welt.

Christen, so lehrt es der Karfreitag, sind eben keine naiven, weltfremden Hallelujasinger, sondern Menschen, die sich dem Leid der Welt und den Fragen, die es aufwirft, stellen. – Sie sollten es zumindest sein…

und noch ein Mosaiksteinchen:
„Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5) Das ist eine Zeile aus der 1. Lesung am Karfreitag.
Jesus meinetwegen, wegen meiner Unzulänglichkeiten grausam getötet? Kann ich das glauben? Will ich das überhaupt? – Nein.
Aber darf ich das denn ablehnen, ist das nicht christliche Grundüberzeugung?
Zwei kurze Antworten dazu:
1. Der Text, der hier gelesen wird ist schon Jahrhunderte vor Jesus entstanden,  in der Auseinandersetzung mit der Frage des Leides an ganz anderem zeitlichen Ort. Es ist ein prophetischer Text und als solcher individuell, mystisch und vieldeutig. Die Ursprungssitution ist unklar. Der Prophet kommt zu seiner ganz persönlichen Lösung für die Frage des Leids. Die kann ich respektvoll lesen/hören, muss sie aber nicht absolut setzen. Denn erst im Gesamtbild aller biblischen Aussagen – und die sind sehr unterschiedlich –  entsteht das, was wir „Wort Gottes“ nennen. (Dazu später mal mehr…)
2. Ja, die Bilder des Jesaja und der Passion gleichen sich, eine Übertragung liegt nah.
Aber nicht einfach wörtlich und platt „Er ist wegen meiner Sünden gestorben.“ – Wie auch, ich war damals noch gar nicht geboren… (Jaja, vor Gott zählt die Zeit nicht und so… trotzdem!)
Ich verstehe das eher so: Dieses Geschehen damals nimmt mich mit hinein. In dem wir es hören, betrachten, vergegenwärtigen, spiegeln wir unser Leben, unser Sein an diesem Geschehen, mit all unseren Fehlern, unserem Leid, mit allem, was wir sind. Unser eigenes Scheitern wird mithineingenommen in Sein Scheitern, ich kann mich an unterschiedlichster Stelle der Geschichichte wiederfinden, in unterschiedlichsten Rollen.
Und damit werde ich mit hindurchgenommen durch den Tod ins Leben. – Ja, ich weiß, jetzt werde ich sprachlich auch mystisch, aber so ist es halt, ist halt gar nicht so simpel, unser Glaube…

Ein letztes:
Ist der Tod Jesu ein „Opfer“?
Jein…, das kommt darauf an, wie ich Opfer verstehe. Nicht im alten Sinn: Ich gebe Gott ein Opfer, dann gibt er mir, was ich will…
Wir schauen hier im Gegenteil auf das Ende aller Opfer. Jesu Tod ruft auf: Kein Mensch soll je wieder zum Opfer gemacht werden!
Er selbst durchbricht die Spirale aus Opfer/Täter, Tat/Vergeltung, indem er sagt: „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht was sie tun.“
Er entscheidet sich für die Konsequenz des Kreuzes, macht das, was da geschieht, zur Selbsthingabe und lässt sich eben nicht zum hilflosen Opfer degradieren.
Zum Opfer gemacht zu werden, nimmt einem die Würde und die Menschlichkeit.
Jesus bleibt Mensch bis zum Schluss, menschlich bis zum Schluss, mit all seiner göttlichen Würde.

Die Leidensgeschichte Jesu ist eine der stärksten Menschheitsgeschichten überhaupt.
Mit ihr ist nicht leicht fertig werden. – Und ich bin es auch noch nicht, werde es vielleicht nie.
Diese Gedanken sind nur ein Anfang…

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