Das mit der Fehlerfreundlichkeit Jesu haben wir ja geklärt.
Und unsere eigene hoffentlich auch.
Aber wie steht es mit der Fehlerfreundlichkeit der Kirche als Institution?
In ihrer Außenwirkung scheint sie ja nicht wirklich so rüberzukommen, eher als Gemeinschaft mit Perfektionsanspruch, in der man an Ansehen verliert, wenn man irgendwo gescheitert ist an diesem Anspruch. – Obwohl wir ja wiederholt schmerzhaft erfahren mussten, dass unsere Kirche selbst alles andere als perfekt ist.

Nun ist es einerseits verständlich, dass eine riesige Gemeinschaft/Organisation wie unsere Kirche  gewissen Idealen nachstrebt (siehe Post vor Kurzem…), sich gewisse Regeln geben muss, Rahmenbedingungen schaffen muss, innerhalb derer sich das bunte Leben abspielt, ohne zu bunt zu werden. (Wobei das eine eigene Frage wäre: Wie viel bunt ist zu bunt?) Deshalb gibt es z.B. das Kirchenrecht und die Glaubenskongregation, die sich mit Rechtgläubigkeit beschäftigt, usw.
Andererseits besteht die Gefahr, dass die Regeln und Gesetze, die sich natürlicherweise an den hohen Idealen ausrichten, eine ungute Eigendynamik entwickeln und das Zentrum, nämlich die Botschaft Jesu mit all ihrer Fehlerfreundlichkeit verstellen, verbiegen oder überdecken.
Und ich muss leider sagen, dass das im Falle unserer Kirche viel zu oft geschehen ist. Jahrhunderte lang hat man – bis heute! – aus moralischen Richtungsangaben und jesuanischen Zielen massive Gesetzesmauern gebaut, mit denen Menschen aus- und eingesperrt wurden. Und das hängt uns jetzt nach. Vieles davon ist aus Selbstschutz der Gemeinschaft geschehen und das meiste wohl im guten Glauben und mit der besten Absicht. Aber das hilft uns heute auch nicht weiter.
Das Dumme an Mauern wie Gesetzen ist nämlich, dass es einem sehr schwerfällt, sie wieder einzureißen nach all dem Aufwand, den man hatte mit dem Aufbauen.

Da traue ich mich doch, mal ein aktuell brennendes Beispiel auszusuchen: Das Problem mit der Unauflöslichkeit der Ehe.

Wenn in unseren Gemeinden Ehen scheitern, verschwinden oft ganze Familien aus dem aktiven Kreis der Gläubigen, fast immer aber verschwindet ein Partner.
Denn auch, wenn wir es gar nicht beabsichtigen: Es scheint in unserer Kirche keinen Platz zu geben für diese Art Scheitern. Und das in einer Zeit, wo Trennung und Scheidung gesellschaftlich eine selbstverständliche Realität sind, wenn auch keine schöne.
Und das ist umso schrecklicher, weil solche Zeiten für Menschen wirklich kein Spaß sind und wir sie als Gemeinschaft doch unterstützen sollten.
Aber von der Kirche erwarten die meisten in so einer Situation gar keine Unterstützung.
Denn die Kirche hat viel zu lange verurteilt und ausgegrenzt. Von wegen Fehlerfreundlichkeit Jesu…
Umso dankbarer bin ich über die zaghafte Öffnung, die Papst Franziskus in seinem Schreiben Amoris laetitia angestoßen hat, wo z.B. im Ermessen des Ortsbischofs eine Zulassung Geschieden-Wiederverheirateter zu den Sakramenten ermöglicht wird.
Aber das kann nur ein Anfang sein.
Denn ich glaube, beim Thema Ehe hat sich die Kirche in eine dem Anspruch Jesu nicht angemessene Fehler-Unfreundlichkeit verstrickt.

Selbstverständlich ist die katholische Vorstellung von der Ehe ein hohes Ideal: Zwei Menschen treffen sich, lernen sich lieben, tragen diese Liebe vor Gott mit der großen Hoffnung, dass sie ewig ist, ja sogar über die Grenzen dieser Welt hinausgeht, gründen eine Familie…
Dieses Ideal, diese Hoffnung auf Glück zu zweit, als Familie, ohne Ablaufdatum, haben wohl auch die meisten Eheleute, wenn sie sich kirchlich trauen lassen. Das soll und will auch niemand aufgeben, denn es ist auch das Ideal, das Jesus verkündet. Aber:
Ca. 50% davon schaffen es nicht „bis dass der Tod sie scheidet“. Und manche Ehen, die bis zum Tod „halten“, möchte ich nicht führen müssen. Das ist eben so mit Idealen (das haben wir gelernt), dass wir in der Realität oft dahinter zurückbleiben trotz bester Vorsätze und eines hoffnungsvollen Anfangs.

Erstaunlich finde ich dabei nur, dass es in der Kirche nach beinahe jedem Fehler und für jegliche Art Scheitern einen Neuanfang zu geben scheint, aber nicht, wenn die Ehe scheitert. Das ist dann irgendwie endgültig. Denn eine zweite sakramentale Eheschließung ist ja nicht möglich. Kein zweiter Versuch hier…
(Sich mit dem Mittel der Annullierung zu behelfen, ist da auch nicht sauber. Denn im Nachhinein zu sagen, dass das gar keine Ehe war, wird der gemeinsamen Lebenszeit auch nicht gerecht.)
Ist das im Sinne Jesu?

Bei der Diskussion über dieses Thema wird oft argumentiert, dass alles irgendwie beliebig würde, wenn die kath. Kirche die Unauflöslichkeit der Ehe aufgeben oder aufweichen würde.
Das sehe ich nicht so. Der hohe Wert dieses Ideals bleibt bestehen, auch wenn viele es nicht lebenslang umsetzen können.
Jeder, der Trennung schon mal selbst erlebt hat oder Freunde durch eine Scheidungszeit begleitet hat, weiß, dass man sich sowas nicht ohne Not oder aus Spaß antut. Da geht es um Verletzungsgeschichten, Schuldgefühle, gegenseitige Schuldzuweisungen, zerbrochene Lebensträume, herbe Existenzfragen usw…
Umso wichtiger wäre ein guter Weg der Aufarbeitung, der Heilung, der dann einen Neuanfang ermöglicht.
Viele gehen diesen Weg in Therapien, in Selbsthilfegruppen usw. – Kaum einer in oder mit der Kirche. Denn da ist keine Gnade zu erwarten, so scheint es zumindest.
Und wenn dann jemand nach der Verarbeitung, nach all dem schmerzhaften Wachsen und Lernen einen Neuanfang wagt, tut die Kirche dann wirklich gut daran, diesem Neuanfang den Segen zu verweigern?

Ich bin nicht dafür, die Idealvorstellung von Ehe aufzugeben. Aber ich bin dafür, darüber nachzudenken, wie wir die Schritte „Scheitern – Anhalten, Nachdenken, (Bereuen, lernen…) – neu anfangen“, die zutiefst jesuanisch sind, als Kirche in dieser Frage neu denken können.
Damit Heilung möglich ist, wirkliche Heilung. – Nicht nur für die Eheleute, sondern auch für die Kirche selbst, die sich hier meiner Meinung nach in strukturelle Schuld verstrickt.

Dazu könnte z.B. intensiver darüber nachgedacht werden, ob der „Tod“, der die Eheleute scheidet unbedingt der leibliche Tod sein muss. Gibt es nicht auch den schmerzhaften Tod einer Beziehung?
Dann könnte auch darüber nachgedacht werden, ob gezielte Seelsorgeangebote vor einer möglichen „Zweitehe“ liegen könnten und welche. Schließlich gibt es vor jedem Sakrament eine Vorbereitung oder zumindest ein vorbereitendes Gespräch. Hier könnte die Frage nach der Aufarbeitung der gescheiterten ersten Ehe eine Rolle spielen. U.v.m.

Ich bin nicht die, die hier kirchlich relevante Entscheidungen fällt und kirchenrechtliche Hürden nimmt, aber ich bin kann verweisen auf die Fehlerfreundlichkeit Jesu, deren ausführendes Instrument die Kirche sein sollte.
Wenn ihr hier ein guter Schritt gelänge (nicht nur in der Seelsorge vor Ort, sondern auch strukturell und rechtlich), würde auch die Kirche profitieren und an Glaubwürdigkeit gewinnen.

Davon bin ich überzeugt.

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