Gebeugte arme Sünder oder fehlerfreundlich aufrecht?

Ist Euch schon mal aufgefallen, dass das Katholisch Sein im amerikanischen Serienfernsehen ein ganz merkwürdiges Image hat? Immer wieder begegnet mir das, auffällig oft in Krimis übrigens.
Katholiken werden dort meistens als Menschen dargestellt, die sich zwar in ihrem „normalen“ Leben kaum an irgendwelche kirchlichen Regeln halten, aber doch oder gerade deshalb dauerhaft mit einem schlechten Gewissen herumrennen, quasi mit eingezogenen Schultern.
Es ist fast so, als würden sie in ihrem „sündigen“ Alltag die große (böse) Freiheit suchen, nur um von ihrem kirchlichen Über-Ich, das dann immer mal wieder an der unsichtbaren moralischen Leine zieht, daran erinnert zu werden, dass sie doch ach so ungenügend sind für die ewige Seligkeit.
Die katholische Kirche wird da als Hort der Unfreiheit dargestellt, der einengenden Moral, des göttlichen Zeigefingers, der so tief sticht, dass selbst der Mensch, der sich eigentlich distanzieren will, nicht wirklich loskommt. Ein wunderbarer Nährboden für Doppelmoral, übrigens.
Eine Kirche als Gemeinschaft, die als zentrales Wort „Sünde“ hat und nicht „Erlösung“? – Nicht meine Kirche!
Mag sein, dass der amerikanische Katholizismus anders ist als der bayrische, aber mich regt dieses verzerrte Bild meiner Kirche einfach nur furchtbar auf!
Mir fällt bei „katholischer Kirche“ nicht zuerst (und nicht mal auf Platz zehn…) der Beichtstuhl und die Sünde ein.
Mir fallen zuerst Gottesdienst ein, Feste, Gemeinschaft, geteiltes Leben, Bibel und Sinnsuche, Arbeiten an sich selbst, wachsen, aufrecht gehen und stehen – Glauben, Leben, Lernen eben… Und ich finde es furchtbar, dass dieses Image einer restriktiven, unbarmherzigen und unfrei machenden Kirche sich so hartnäckig hält. Unsere bayrische katholische Kirche zumindest erlebe ich nicht so. (Und unseren Papst übrigens auch nicht.)

Aber das Ganze hat natürlich einen Grund: Jahrhunderte lang hat unsere Kirche eben viel zu oft genau das getan: Den Gläubigen wieder und wieder vermittelt, wie unzulänglich sie sind, und sie damit zu gebückten anstelle von aufrechten Menschen gemacht.
– Ich bin wirklich dankbar, dass ich das in meiner Generation nicht mehr erfahren musste.
Und damit sind wir wieder beim Thema missverstandene Ideale. (siehe letzter Post)
Die hohen Ideale Jesu wurden dazu missbraucht, Menschen klein zu machen und klein zu halten. (Nicht immer und nicht von allen natürlich, aber viel zu oft und zu lang.)

Das kann aber nur geschehen, wenn ich sie aus dem Kontext des Evangeliums reiße und sie absolut setze, wenn ich vergesse, dass Ideale etwas sind, dem ich nacheifern kann, zu dem ich mich ausstrecken kann, das ich aber normalerweise nicht erreiche. Hinter Idealvorstellungen bleiben wir immer zurück.
Das ist menschlich und normal – und Jesus wusste das. Deshalb war er in allem, was er tat immer fehlerfreundlich.

Da ist die Sünderin, die gesteinigt werden soll, und Jesus rettet sie, indem er ihre selbstgerechten Richter aufruft: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ (Joh 8,1-11)
Da ist Simon Petrus, der zuerst mit dem Schwert auf einen Diener des Hohenpriesters losgeht, dann dreimal leugnet, Jesus gekannt zu haben. – Und genau ihn, den an seinen eigenen hohen Erwartungen an sich selbst Gescheiterten, macht Jesus zum Felsen, auf den er seine Kirche baut. (Lk 22, 47-62; Mt 16, 18-20)
Da ist der Zöllner, der sich durch falsche Lebensentscheidungen und Geldgier gesellschaftlich völlig zum Außenseiter gemacht hat. – Jesus macht sich zum Ehrengast in seinem Haus und verändert sein Leben von Grund auf. (Mt 9-13; Lk 19,1-10)
Da ist die Frage des Petrus, wie oft man seinem Bruder verzeihen soll: Siebenmal? – Jesus sagt: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal! Also immer und immer wieder…
Da ist selbst am Kreuz noch sein: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
usw. usw. usw.

Beides müssen wir zusammendenken: Jesu hohe Ideale, die er uns als Zielangaben aufstellt, und seinen realistischen und liebevoll-großherzigen („barmherzigen“) Blick auf unsere menschlichen Grenzen, seine Fehlerfreundlichkeit eben, die er uns immer wieder auch als Eigenschaft Gottes des Vaters verkündet. Und das ist auch kein herablassender oder platt mitleidiger Blick. Denn Jesus nennt uns schließlich Kinder Gottes, Kinder des Lichts, heilig … und spricht uns damit eine unglaubliche Würde zu.
Er will nicht, dass wir uns ständig ungenügend finden, ständig unter der Last unserer Unvollkommenheit oder eines unheilvollen Perfektionsanspruchs gebückt gehen („Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht!“ Mt 11, 28ff). Er will, dass wir aufrecht gehen und im Licht, im Bewusstsein, dass Fehler nicht das Ende sind.
Aber er will auch nicht, dass wir uns überschätzen und uns für die Größten und Besten halten.
Er will, dass wir uns erkennen mit allem Guten und Schlechten, mit allem vorläufigen und Anfanghaften, mit unserer Sehnsucht nach Leben, unseren Grenzen und unserem Scheitern.
Er will, dass wir an uns arbeiten, und dass wir ein Ziel haben, das wir anstreben können.
Er will, dass wir auf dem Weg zu diesem Ziel immer von vorn anfangen können, wenn wir Fehler gemacht haben.
Im Grunde sagt er: Schau dein Leben an, achte auf deinen Weg! Werde Dir klar darüber, wo du stehst und wo du mit deinem Leben hinwillst, verlier das Ziel nicht aus den Augen! Und wenn du es aus den Augen verloren hast, halt an, schau dich um, richte dich auf, finde das Ziel wieder und versuche es einfach nochmal!

Und genau das tun wir in jeder Fastenzeit, die mit dem heutigen Aschermittwoch wieder beginnt:
Wir machen uns unsere Vergänglichkeit und Begrenztheit bewusst und wir versuchen unser Leben anzuschauen, ehrlich, fehlerfreundlich, aufrecht und den Blick nach vorn gerichtet.

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