Derzeit hören wir an den Sonntagen Ausschnitte aus der Bergpredigt, also quasi das „Parteiprogramm“ Jesu – und auch unseres.
Und ganz ehrlich, manchmal klingt das ganze schon verflixt anspruchsvoll:
„Liebe deine Feinde und betet für die, die euch verfolgen! …
Wenn Dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! …
wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. …“
Zu den Gesetzen der Thora fordert Jesus sogar ein, dass sie nicht nur äußerlich, sondern vom tiefsten inneren Empfinden her zu erfüllen seien:
„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; … Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; …
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“
Und dann noch:
„Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! …
Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.“
Der absolute Gipfel ist aber für mich der folgende Satz: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Alle Zitate Mt 5)

Vollkommenheit! – Geht es überhaupt noch anspruchsvoller?
Das ist doch eine absolute Überforderung!
Kein Mensch kann vollkommen sein. Das ist doch nur Gott!
Da ist Scheitern doch vorprogrammiert, oder?
Das klingt nach religiösem Leistungsdruck und Perfektionismus, nach dauerndem „Ungenügend“.
Wenn es Jesus hier wirklich um moralischen Perfektionismus geht, dann können wir doch einpacken, gleich aufgeben, denn das schaffen wir doch eh nicht.
Und besonders erlösend und befreiend klingt das alles auch nicht gerade…
Wenn ich es überspitzt formuliere, könnte man jetzt den Eindruck gewinnen, das Christentum wäre eine harte Religion mit perfektionistischen Ansprüchen, denen im Grunde niemand gerecht werden kann, deren Anhänger sich also immer irgendwie minderwertig fühlen.

Warum ich das so auf die Spitze treibe?
Weil es im Lauf der Kirchengeschichte geschehen ist – und auch heute noch geschieht -, dass diese und ähnliche Stellen der frohen Botschaft so einseitig ausgelegt wurden, dass ein eben dieser unleistbare perfektionistische Anspruch stehen bleibt, der Gläubige in die Rolle der „armen Sünder“ abschiebt und sie damit als grundsätzlich ungenügend entwürdigt.
Ich bin mir sehr sicher, dass Jesus das definitiv nicht gemeint hat mit seinen Worten in der Bergpredigt.

Aber wie können wir es dann verstehen?
Ein paar Denkanstöße:

1. Wir vergessen gerne, dass Jesus in der orientalischen Denkwelt und Sprache zu Hause war. Blumige, schwung- und kraftvolle Ausdrucksweise gehören genauso dazu, wie rhetorische Übertreibung, um Dinge auf den Punkt zu bringen. Wir lesen hier Teile seiner Rede – sind quasi „live“ dabei -, keine trockenen theologischen Abhandlungen.
Jesus ging es darum, die Kernaussagen seines jüdischen Glaubens zu entstauben, den ursprünglichen Kern sichtbar zu machen; das, was für viele bloße Formel geworden war, wieder neu mit Feuer und Gefühl zu füllen. Da sind ein kräftiger Tonfall und heftige Bilder durchaus verständlich.

2. Das griechische Wort für „vollkommen“ im Originaltext (teleios) ist viel schillernder als das deutsche „vollkommen“. In ihm steckt „telos“: Ziel, Spitze, Höhepunkt, Erfüllung, Zweck, … Und es bedeutet nicht nur den Zustand des vollkommen Seins, sondern auch „vollendend, Erfüllung bringend, wirksam“. Alle diese Nuancen schwingen beim Hörer des griechischen Textes mit.
Es geht bei Jesu Rede vom vollkommen Sein wie der Vater im Himmel nicht um einen statischen Zustand, den es zu erreichen gilt, sondern um ein Ziel, das wir anstreben sollen -auch wenn wir es aus eigener Kraft vielleicht nicht erreichen, um eine Bewegung immer mehr auf das Ziel zu.
Aber Jesus hat ja ursprünglich Aramäisch gesprochen:
Das hebräisch/aramäische Wort für „vollkommen“ bedeutet auch „ganz“.
Es klingt doch völlig anders, wenn wir den Satz Jesu so lesen: „Ihr sollt also ganz sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. Wer möchte das nicht sein, ganz, heil, ungespalten, ungebrochen…?

3. Dennoch: Die hohen Ideale, die Jesus hier so radikal einfordert, bleiben. Aber sie sind eben genau das: Ideale, Zielbeschreibungen, die unserem Weg eine Richtung eben sollen, nach vorne, nach oben, zu Gott hin, der vollkommen ist.
Jesus erwartet nicht, dass wir das alles sofort und gleich umsetzen, er weiß, dass er da viel verlangt und dass das alles andere als leicht ist.
Wir dürfen nämlich diese anspruchsvollen Worte nicht ohne den Rest des Evangeliums lesen, nicht ohne die Geschichten von der Fehlerfreundlichkeit Jesu, nicht ohne die Geschichten von Vergebung und Neuanfang, von Fehlermachen und Lernen…

Aber dazu nächstes Mal mehr.

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